Baron-Cohen und die Ministerin

Bei SciLogs habe ich The Essential Difference von Simon Baron-Cohen besprochen. Obwohl das Buch von 2003 ist, scheint es mir gerade sehr aktuell. Baron-Cohen wird oft in Erziehungsratgebern mit seiner These, dass Genderunterschiede fest verdrahtet seien zitiert. Zuletzt hat die NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann getrennten Unterricht für Jungen und Mädchen in einigen Fächern gefordert. So sehr ich glaube, dass hinter dieser Forderung eine gute Absicht steckt, so sicher bin ich, dass das eher schädlich wäre.

Es gibt tatsächlich zwei gegensätzliche Gründe, nach Geschlechtern getrennten Unterricht zu fordern. Zum einen könnte man damit versuchen, Freiräume zu schaffen, in denen Rollenbilder keine große Rolle spielen. Diesen Ansatz werden vor allem Menschen verfolgen, die Baron-Cohens Thesen für nicht stichhaltig oder zumindest die biologischen Unterschiede als nicht entscheidend ansehen. Zum anderen könnte man unter der Prämisse, dass Mädchen und Jungen tatsächlich unterschiedliche Gehirne haben, unterschiedliche Bildungsinhalte vermitteln und damit den Unterschied vergrößern. Ich gehe davon aus, dass Frau Löhrmann ersteres im Sinn hat und damit für und nicht gegen Gleichstellung argumentiert.

Dennoch ist der Ansatz falsch, weil er außer Acht lässt, dass alle gemessenen Unterschiede rein statistischer Natur sind. Teilt man Kinder und Jugendliche nach ihrem körperlichen oder sozialen Geschlecht in unterschiedliche Lerngruppen ein, so tut man all denen Unrecht, deren Interessen oder Begabungen vom Mittelwert abweichend in den Bereich fallen, der dem anderen Geschlecht zugeordnet ist. Und das sind bei den beobachteten Streubreiten sehr viele.*

Die Vorschläge der Ministerin, die Dr. Mutti hier kommentiert hat, würden nicht nur die Schülerinnen und Schüler unter Druck setzen, sich einer Geschlechteridentität entsprechend einzuordnen. Sie würden auch die Schüler benachteiligen, die gerne Hanni und Nanni lesen oder die Chemie des Schminkens lernen wollen. Und die Schülerinnen, die gerne Sachbücher lesen.

Interessengeleiteter Unterschied ist sicher eine gute Idee. Und ob man Lerngruppen homogen oder besser heterogen gestaltet will, ist diskussionswürdig. Aber die große Streubreite in allen Studien, die Interessen und Begabungen von Menschen untersuchen, zeigt, dass die wesentlichen Unterschiede nicht entlang einer Geschlechtergrenze laufen.

Anmerkungen

*Selbst wenn es sich um eine kleine Minderheit handelte, die mit dieser Methode ungerecht behandelt wird, sollte man davon Abstand nehmen.

4 Gedanken zu „Baron-Cohen und die Ministerin“

  1. Zum anderen könnte man unter der Prämisse, dass Mädchen und Jungen tatsächlich unterschiedliche Gehirne haben, unterschiedliche Bildungsinhalte vermitteln und damit den Unterschied vergrößern.

    Und man erzeugt Unterschiede durch Trennung. Selbst wenn die Inhalte identisch wären, würde eine Trennung grundsätzliche Unterschiede implizieren und sich somit selbst legitimieren und replizieren. Statt Stereotype in die Erziehung einzubeziehen, sollte man sie von vornherein aus der Erziehung heraushalten.

    1. Ja, Cordelia Fine zitiert hierzu sogar eine Studie, bei der Vorschulkinder willkürlich in zwei Gruppen mit unterschiedlicher T-Shirt-Farbe eingeteilt wurden und in wenigen Wochen klare Rollenidentitäten annahmen. Und das sogar noch ohne explizite Trennung, sondern nur indem hin und wieder die T-Shirt-Farbe als Gruppenmerkmal verwendet wurde.

  2. Hallo…

    Es ist ja durchaus anzunehmen, dass gehirngeschlechtliche Frauen ein überwiegend bzw. in entscheidenden Gehirnregionen weibliches Gehirn haben und dass gehirngeschlechtliche Männer ein überwiegend bzw. in eintscheidenden Gehirnregionen männliches Gehirn haben.

    Aber es ist ja nicht gesagt, dass jeder Penisträger ein voll durchvirilisiertes Gehirn hat und es ist auch nicht gesagt, dass jede Vulvaträgerin ein komplett feminines Gehirn hat.

    Ein Penisträger könnte nämlich gar eine Penisträgerin sein und eine Vulvaträgerin könnte gar ein Vulvaträger sein.

    Ich denke einmal, es kommt doch darauf an, welche Gehirnregionen bei einem Menschen (teil-)virilisierten oder eben nicht und so ergeben sich die unterschiedlichsten Mischformen, die auch unterschiedlich starke Konsequenzen haben, ob ein Mensch z. B. die Gewissheit in sich trägt eine Frau oder ein Mann zu sein (woraus sich sogar eine Body-Diskrepanz ergeben kann – siehe auch http://www.trans-health.info, Blog von Dr. Dr. Haupt und die Kommentare zu den Blogbeiträgen Dr. Dr. Haupts)… – unabhängig von der geschlechtlichen Ausprägung des gesamten Restkörpers.

    Viele Menschen hängen leider noch an ihrem genitalgeschlechtlichen Weltbild fest. Das Geschlecht ist jedoch im Gehirn verdrahtet und nicht durch das Genital vorgegeben, nur, weil man das sehen kann und das Gehirn nicht.

    Liebe Grüße

    Keydie Lyn

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