Nicht kaufen ist keine Lösung

Die Diskussion um Schokoeier mit rosa Verpackung und sexistischem Spielzeug lässt mich nicht los. In meinem kurzen, persönlichen Beitrag zur Gleichmacherei der Geschlechter, wollte ich dazu eigentlich nichts schreiben, denn es ging um etwas anderes. Um den Vorwurf, es ginge bei der Aufdeckung von Sexismus darum, Mädchen und Jungs gleichzumachen.

Dieser Vorwurf kommt eben sehr häufig, überspitzt ausgedrückt jedesmal. Bei Licht betrachtet ist jedoch das Gegenteil der Fall. Es geht im Feminismus fast immer darum, die Gleichmachung aller Mädchen zu unterlassen. Es geht darum, klarzustellen, dass es eben nicht nur zwei Arten von Menschen gibt sondern viele. Und vor allem, dass nicht das Männliche der Normalfall und das Weibliche die Abweichung ist. Hier liegt das Problem.

In der erwähnten Twitterdiskussion hatte ich drei Blogs von sanczny, Dr Mutti und anne wizorek verlinkt, von denen ich noch immer überzeugt bin, dass sie das Problem gut beschreiben. Die Antwort von Carsten Hucho, der freundlicherweise meinen letzten Blog kommentiert hat, war wörtlich: „Meine Güte, wo ist das Problem? Wenn ihr das scheiße findet, nicht kaufen, ganz einfach.“

Die Twitter-Diskussion als Screenshot

Aber so einfach ist es nicht. Ob ich oder Carsten diese Eier kaufen ist unerheblich. Es ist auch nur von geringer Bedeutung, ob wir einzelnen Kindern diese Eier schenken oder ihnen den Umgang mit diesen Eiern verbieten. Etablierung von Genderrollen funktioniert anders.

Anne hat im oben verlinkten Blog das Problem des othering angesprochen. Die Unterscheidung von Überraschungen von Kindern einerseits und von Mädchen andererseits, konstruiert das weibliche als das andere, das von der Norm abweichende Geschlecht.

Diese ständige Diskriminierung hat Einfluss auf uns Menschen, wie man in zahlreichen Studien zeigen kann. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studie, die Dr. Mutti gefunden hat. Nach dieser Studie sieht sich eine Mehrheit von Frauen sich in der Rückschau als Tomboys, also als eher jungenhafte Mädchen. Mir ist im Moment nicht klar, wie das einzuordnen ist, aber es deutet in die Richtung, dass die klassische weibliche Rolle eine ist, in die sich die Mehrheit erst „hineinfinden“ muss. Ähnliches zeigt eben auch typische Mädchenliteratur des 19. Jahrhunderts wie „Der Trotzkopf“, in der Mädchen in der Adoleszenz von ihrer als nicht korrekt gezeichneten Jungenhaftigkeit geradezu bekehrt werden müssen. Ist das wirklich erstrebenswert?

Nicht Kaufen der rosa Eier reicht meines Erachtens nicht. Ein Problem ist nicht dadurch aus der Welt geschafft, dass man es ignoriert. Wir sollten versuchen, es sichtbar zu machen. Dafür sind die drei von mir verlinkten Blogbeiträge wertvoll und deshalb hat es mich verwundert, dass Carsten das Problem mit seinem Tweet aus meiner Sicht einfach geleugnet hat („Wo ist das Problem?“)

Auch die weiteren Erläuterungen überzeugten mich nicht. Nein, eine Firma wie Ferrero ist nicht nur daran interessiert, möglichst viel zu verkaufen. Sie ist auch daran interessiert, langfristig ein gutes Image zu behalten. Auch deshalb reicht es nicht, schweigend als Käufer auszufallen (ich gehöre eh nicht zur Zielgruppe). Es ist notwendig, dass die Firma das Problem versteht und notfalls merkt, dass sie ihr Image nachhaltig zerstört, wenn sie an Diskriminierung festhält.

Nein, auch ich komme nicht in rosa Kleidchen zur Arbeit, aber das tun meine Kolleginnen auch nicht. Und ich würde es einem kleinen Mädchen nicht verbieten, rosa zu tragen. Ich mag rosa und finde es niedlich. Aber ich möchte gerne dazu beitragen, dass alle Menschen unbeschwert und auf ihren eigenen Weg in ihre eigene Erwachsenenrolle hineinwachsen können. Nicht nur die, denen die Annahme der klassischen Genderrolle leichtfällt.

Nachwort an Carsten: Ich habe mich entschieden, dich hier nicht direkt anzusprechen. Bitte verstehe die dritte Person nicht als Beleidigung. Der Beitrag soll sich halt an alle Interessierte richten. Auch und vor allem natürlich an dich.

9 Gedanken zu „Nicht kaufen ist keine Lösung“

  1. Japjap, genau darum geht’s. Wir sind nämlich alle „anders“ 😀

    Ich hab einen Beschwerdebrief an Ferrero geschrieben und erläutert, was mich stört. Des weiteren habe ich diesen (deinen) Artikel an einen not-sure-if-Troll-Menschen weitergeleitet, ich hoffe, das ist in Ordnung 😉
    Beides zu finden unter https://regenbogenmaschine.wordpress.com/2012/08/12/rosa-uberraschungseier-und-ein-beschwerdebrief

    Liebste Grüße & nen schönen Tag dir noch!
    Janne.

  2. Was ich mir wünsche: Das Leute, die „das Problem“ nicht sehen, nicht immer ihrem Bedürfnis nachgeben, anderen mitzuteilen, dass sie „das Problem“ nicht sehen. Denn wenn sie „das Problem“ nicht sehen, gibt es nichts, was mit ihnen zu diskutieren wäre. Anders ist es bei Leuten, die „das Problem“ anders sehen. Es wäre z.B. sehr interessant, mit Leuten zu diskutieren, die mit Porno-Elfen befüllte rosa Ü-Eier für Mädchen für ganz großartig und dringend notwendig halten, und erklären könnten, warum.

    1. nunja. „Wo ist das Problem?“ war ein Teil eines Tweets. In der Kürze prägnant – und schaffte, was wir hier alle wollen: er beförderte schließlich die Diskussion.
      Insofern gebe ich den Ball zurück, A.S., „Was ich mir wünsche: dass Leute“, die sich generell über den Antwortstil anderer austauschen, vielleicht auch inhaltlich an der Diskussion teilnehmen.

      1. Da würde ich zustimmen. Anatol trägt inhaltlich nichts bei. Interessanter finde ich aber, dass er sich selbst widerspricht. Beim ersten Lesen fragt man sich schon, wo überhaupt der Unterschied liegt zwischen den „Porno-Elfen“-Befürwortern und denen, die kein Problem sehen? Auch die Befürworter sehen schließlich „kein Problem“.

        Oder doch? Sie sehen das Problen nur „anders“? Aber wie?

        Wenn Anatol aber darauf abzielt, dass mit den „kein Problem“-Sehern nur Gegner der Mädchen-Eier* gemeint sind, frage ich mich erst recht, was sein Posting soll. Denn warum sollten ausgerechnet die Befürworter diejenigen sein, die „das Problem anders“ sehen? Und nicht die Gegner? Versteht das jemand?

        Abgesehen davon kann es doch nicht schaden, wenn Leser, die nicht verstanden haben, wo das Problem liegt, nachfragen. Das kann nämlich ein Hinweis darauf sein, dass es nicht hinreichend erklärt wurde.

        Ja, es gibt natürlich Troll-Beiträge. Aber das an eine einzigen Satz festzumachen, finde ich doch etwas zu einfach.

        *non-expilicit

  3. „Um den Vorwurf, es ginge bei der Aufdeckung von Sexismus darum, Mädchen und Jungs gleichzumachen.“

    wieso eigentlich nicht? es ist doch nichts verwerfliches daran, alle kinder gleich zu behandeln, wenn das bedeutet, ihnen keine unnötigen grenzen zu setzen, sie nicht einzuschränken in ihren interessen und begabungen.

    von daher: ja. es geht um gleichmacherei! es geht darum, dass alle kinder mit jedem spielzeug spielen, jede kleidung tragen und jedes interesse haben können, dass sie selbst wollen, und die umwelt ihnen keine bestimmten rollen nahelegt.

    „Es geht im Feminismus fast immer darum, die Gleichmachung aller Mädchen zu unterlassen.“

    es geht aber ebenfalls darum, die gleichmachung aller jungen zu unterlassen.

    „Nicht Kaufen der rosa Eier reicht meines Erachtens nicht. Ein Problem ist nicht dadurch aus der Welt geschafft, dass man es ignoriert. Wir sollten versuchen, es sichtbar zu machen.“

    die rosa eier sind aber nicht „das problem“. sie sind nur ein symptom. das problem selbst liegt viel tiefer. es beginnt, wo männer sich einen sohn wünschen, um mit ihm fußball zu spielen (weil sie glauben, das ging mit mädchen nicht), und wo frauen sich eine tochter wünschen, um ihr kleidchen anzuziehen. das problem liegt in jedem selbst. wo immer wir genderstereotype reproduzieren, liegt das problem. und die meisten sehen es nicht, sondern halten das alles für normal, naturgegeben und unveränderbar. mehr noch: die meisten finden nicht schlechtes dran, weil jeder, männer wie frauen, von dem system hinreichend profitieren und weil ein aussteigen aus dem system unsicherheit und beschwerlichkeiten mit sich brächte. daherist es leichter, die sache mit den rosa eiern als hysterie abzutun und den blick auf das zugrundeliegende system, an dem man selbst fleißig mittut, zu verweigern.

    1. Ich würde gerne unterscheiden zwischen „gleich machen“ und „gleich behandeln“. Bei dem Vorwurf „Gleichmacherei“ schwingt eben mit, man würde die Kinder dazu drängen, sich alle identisch zu entwickeln. Gleiches Behandeln sollte dagegen die Freiheit lassen, sich zu entfalten.

      1. „Bei dem Vorwurf “Gleichmacherei” schwingt eben mit, man würde die Kinder dazu drängen, sich alle identisch zu entwickeln.“

        Das tut man de facto, indem man sie in Rollen drängt. „Mädchen sind so“ und „Jungen sind so“ ist Gleichmacherei.
        Daher schrieb ich ja „es ist doch nichts verwerfliches daran, alle kinder gleich zu behandeln, wenn das bedeutet …“

        Nur ist das eben extrem schwierig, da die meisten Menschen sich gar nicht klar darüber sind, wie sehr sie selbst Rollenerwartungen vorleben und an Kinder herantragen.

        Komischerweise haben diejenigen, die Gleichmacherei als Argument anführen, kein Problem damit, wenn sie als Männer gleichgemacht werden. Eine Bedrohung wird erst empfunden, wenn auch Frauen mit ihnen gleich sein sollen.

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